Baugeschichte

Die Westfassade der

Die Kirche St Salvator auf dem Nicolaiberg zu Gera

Bei dem großen Brand in Gera 1780 wurden neben neun Zehnteln der Gebäude auch die beiden Kirchen der Stadt Opfer der Flammen. In einem Gutachten, erstellt im November 1781, „ . . . über noch stehende Trümmer der St. Salvatorkirche“, lesen wir unter anderem : „Diese Kirche, die ein Werck einer neuen und modernen Bauart (Barock) ist, hat außer der Bedachung durch die Flammen auch sein gänzliches Eingeweide verlohren. Die Mauern sind von Kirche und Turm allein übriggeblieben. Sie sind noch als hinlänglich trag- und nutzbar zu erkennen, da der Mörtel zwischen den Steinen durch die Flammen eher eine stärkere Verbindung als Zerstörung erlitten hat.“

Auf dieses Gutachten hin und nach Vorlage eines genau aufgestellten Kostenvoranschlages ergeht durch Heinrich XXX. die Anweisung, „. . . dass nunmehro die Wiederauferbauung angefangen werden soll, um die Obere Kirche (gemeint ist St. Salvator auf dem Nicolaiberg im Unterschied zur Unteren Kirche St. Johannis, die erst hundert Jahre später und an anderer Stelle als Neubau errichtet wurde) wieder in gehörigen Stant zu setzen, als wie dieselbe vor dem Brant gewesen.“

Die Ausführung des Wiederaufbaues wird in einem Contract dem Ratszirnmermeister Gottfried Dicke übertragen: „…. vor (für) alle vorherbeschriebene und gedachte Arbeit und alle Materialien nun soll Meister Dicke ohne alle weitere Nachforderung erhalten die Summe von Viertausend Dreysisch Thalern, wobey er verspricht, den Bau fleißig zu begehen und auf die Arbeiter und deren Arbeit ein wachsames Auge zu haben, damit alles in einem guten und tüchtigen Stant gefertigt werden möge…“

Dies Versprechen haben Meister Dicke, die ungenannten Geraer Handwerker und die »Handlanger«, die mit ihren Lasten über Rüstleitern bis in Höhen von fünfzig Metern steigen mußten, erfüllt. In nur zehn Monaten wurde die Kirche St. Salvator so wie sie sich uns heute, 200 Jahre später, als markantes Bauwerk im Stadtbild darstellt, neu aufgebaut. Dabei wurden unter anderem neunundfünfzig starke Baumstämme für das steile Dach gebraucht, auf dem fünfhundert Zentner Schiefer mit handgeschmiedeten Nägeln aufgebracht wurden. Und alles in dieser kurzen Zeit.

Über zwei geschwungenen Emporen thront die Röwer-Orgel.

„…Nachdem durch göttlichen Beystand der Bau der St. Salvatorkirche vollendet und am heiligen Weynachtsfest 1782 in dieser Kirche das erste Mal wieder Gottesdienst gehalten worden, wurde Meister Dicke das, was noch an der Summe des mit ihm er richteten Contractes gefehlet, völlig ausbezahlt.“

Mit dieser Notiz schließt das Aktenstück „Die Wiedcrherstellung der bey dem unglücklichen Brand den 18. September 1780 eingeäscherten St. Salvatorkirche betreffend.“

Die Salvatorkirche ist ihrer äußeren Form nach ein Barockbau und wurde in den Jahren 1717—1720 nach Plänen des Baumeisters David Schatz errichtet. Mit ihm hatten die Geraer Stadtväter einen der „Größen seiner Zeit“ in unsere Stadt gerufen. Vom Gärtner hatte er sich zum angesehenen Landbaumeister im Auftrag August des Starken von Sachsen emporgearbeitet. Barockbauten in Dresden, Leipzig; besonders aber der Umbau von Park und Schloß Burgscheidungen beweisen noch heute sein hervorragendes Talent.

David Schatz verwirklichte also in Gera neue Ideen baulichen Wirkens und schuf ein Werk, dessen abgerundete Schönheit ein wichtiges Kulturerbe hohen Ranges darstellt.

Übrigens verpflichteten die Geraer nicht nur einen berühmten Baumeister in ihre Stadt sie beauftragten auch keinen Geringeren als Johann Sebastian Bach damit, die neue Orgel in der Salvatorkirche zu prüfen, zu begutachten und abzunehmen. Das war am 4. Juni 1725. Eine Gedenktafel in der Kirche erinnert an das Ereignis.

Der Turm in seinem reich gegliederten und geschoßweisen Aufbau; als Wahrzeichen Geras weithin sichtbar, wurde wegen fehlender Finanzen erst fünfzig Jahre später — zwischen 1778 und 1779 — nach Plänen des Deutschitalieners Gerardo Hofmann durch Gottfried Dicke erbaut. Er ist der höchste Aussichtspunkt der Stadt. Bis zur Laterne führen 217 Stufen. Von hier aus beobachtete der Glöckner auf St. Salvator die Stadt und ihre Umgebung, um bei Bränden durch einzelne Schläge an die Große Glocke Alarm zu geben. Er bewohnte den Turm mit seiner Familie bis 1915. Die drei Klangstahlglocken haben ein Gesamtgewicht von 122 Zentnern.

Der Pelikan, der sich laut Physiologos für seine Jungen opfert, trägt das Kanzelpult.

Im Jahre 1903 erhielt die Barockkirche durch Initiative des Stadtbaurates Marsch eine Innenausstattung im „Jugendstil“. Dazu schreibt E. P. Kretschmer in der Juniausgabe der „Geraer Heimatglocken“ von 1925: „Die damalige Kirche (vor 1903) war im Sti1e römischer Hochrenaissance in strengem Charakter ausgeführt. Dämmrige Emporen und vorgebaute Kapellen gaben der Kirche ein anheimelndes Halbdunkel.

Die Wangen der Kirchenbänke sind durch je eigene Reliefs gestaltet.

Heute ist alles lichtvoller, wenn auch nicht gerade stilvoll geworden. Ob der sogenannte Jugendstil sich zur Innenarchitektur von Kirchen eignet — sogar das Kreuz auf dem Altar hat man stilvollst hergestellt — bezweifle ich“.

Daraus ersieht man, daß sich auch zwanzig Jahre nach der erfolgten Umgestaltung noch nicht alle Geraer an die neuartige Stilrichtung gewöhnt hatten, die lange umstritten war. Sie wandte sich vor allem der Innenarchitektur und dem Kunsthandwerk zu und ist an einer unverwechselbaren Ornamentik zu erkennen, die auf Blumen- und Pflanzenmotive nach japanischen Vorbildern zurückgeht. Beachtenswert etwa der stilisierte Rosenfries, der dreiseitig, den Emporen folgend, die Salvatorkirche durchzieht.

Die Kanzeltreppe zeigt die Symbole der vier Evangelisten.

Interessant ist in den „Heimatglocken“ auch die Bemerkung, daß das Kreuz stilvollst hergerichtet sei. Darin sehen wir heute gerade einen Vorzug und die höchste Vollendung dieser Jugendstilkirche: Alle Dinge, große und kleine, Emporen und Wände, Säulen und der Orgelprospekt, die Leuchten, die Stirnseiten der Sitzbänke und des Altargestühles, ja selbst die Türen, deren Füllungen, Beschläge und Griffe und natürlich auch die Sakralgeräte sind nach einer einheitlichen Form gestaltet. Ganz verschiedene Kunsthandwerker, Bildhauer, Stukkateure, Kunst- und Glasmaler, Holzschnitzer, Goldschmiede, Mosaikbildner, Fliesenleger und viele andere haben hier in einer großen Gemeinschaftsarbeit eine „wunderbare in sich abgeschlossene Komposition“ geschaffen, deren Wert erst in unserer Zeit voll erkannt wird.

Autor: Friedemann Behr