Literatur-Gottesdienste

Kleist by Slevogt

Der Deutsche Impressionist Max Slevogt hat hier Heinrich von Kleist porträtiert.

Heinrich von Kleist schrieb 1800 an Wilhelmine von Zenge: “Warum, dachte ich, sinkt wohl das Gewölbe nicht ein, da es doch keine Stütze hat? Es steht, antwortete ich, weil alle Steine auf einmal einstürzen wollen.” – Die Güte des HERRN ist’s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende. So steht es in den Klageliedern Jeremiae (3,22). Die Herrnhuter beginnen jeden Gottesdienst mit diesem Satz. Die Verblueffung darüber, dass Gott will, das wir leben. Mit einer ähnlichen Geisteshaltung wundert sich Heinrich von Kleist ueber die Stabilität, die Steine verursachen, wenn sie alle zugleich einstürzen wollen. Das Leben findet in Nischen statt und unter Steinbögen, die wie durch ein Wunder halten. – Diese Geschichte erzählt auch Kleists Novelle ‘Das Erdbeben in Chili’. Ein Erdbeben verwandelt die Stadt in Schutt und Asche, aber zwei Liebende werden durch dieses Unglück glücklich und erleben einen paradiesischen Tag. Doch dann setzt ihr Glück aus, und sie sind verloren. Unser Literatur-Gottesdienst zu Heinrich von Kleist und seiner Erdbeben-Geschichte findet im Lutherhaus (Joliot-Curie-Str. 1b, 07548 Gera) statt, gleich am naechsten Sonntag um 17 Uhr. Es ist der 8.März 2015. Merken Sie sich den Tag und kommen Sie vorbei.

St. Michael in Gera-PfortenIn der kleinen Pfortener Kirche St. Michael (Plauensche Str. 200) fanden von 2009 bis 2015 -  meist bei Kerzenschein – 29 Literatur-Gottesdienste zu verschiedenen Autorinnen und Autoren statt. Hier sind fast alle Texte zum Hineinschnuppern abrufbar. Die Predigten bzw. meine Kommentare bestehen oft nur aus Stichworten oder kurzen Zusammenfassungen, da ich bei dieser Gelegenheit meisten frei rede und mich von der Lektüre der Texte treiben lasse. Erst im Nachhinein schreibe ich die wichtigsten Gedanken kurz auf.

“Keiner schuldet dem anderen etwas.” – Mit diesen Worten ruft sich die 40jährige Claudia zu Vernunft. Sie hatte Sehnsucht verspürt, als ihr neuer Freund Henry unangemeldet wegfuhr. Portrait des AutorsSie versucht, nicht mehr an ihn zu denken und wundert sich, dass sie so schnell bereit sei, sich wieder aufzugeben. Es ist ihr wichtig, unabhängig zu bleiben, auch von sich selbst: “Ich verdrange täglich eine Flut von Ereignissen und Gefühlen, die mich demütigen und verletzen. Ohne diese Verdrängungen waere ich nicht fähig, am Morgen aus dem Bett aufzustehen.” Ihr Leben hat eine niedrige Temperatur. Würde man es heute ‘cool’ nennen? – Am 25. Januar fand mein letzter Literatur-Gottesdienst in der kleinen Kirche St. Michael am Rande Geras statt. Ich setzte mich mit Christoph Hein und seiner Novelle “Der fremde Freund” auseinander. Dieser Text von 1982 machte ihn einst in Ost und West berühmt. Die Ärztin Claudia hat eine Arbeit, Anerkennung und eine ferngeheizte Wohnung. Es geht ihr gut, sagt sie. Hier ist der Text.
Eigentlich ist “Der Tannenbaum” von Hans Christian Andersen ein moralisches Märchen. Es will uns zwingen, den Augenblick wert zu schätzen, weil eines Tages alles vorbei ist. Aber im religiösen Sinne gilt das „Vorbei, vorbei!“ nicht. StMichael Christmette 2014Das behütet uns vor den Untiefen der Eventkultur, die gerade in nichtreligiösen Zeiten zum großen Problem wird. Man kann auch den Augenblick versäumen, indem man ihn pausenlos genießen will. Wer weiß, dass seine Zeit nicht in der eigenen Hand liegt und dass sie weitergehen wird, wenn sie eigentlich vorbei ist, kann eine religiös begründete Gelassenheit finden. Aus ihr entsteht die Fähigkeit, das Leben ruhig fließen zu lassen, zu erleben, was wir erleben, sich von dem verabschieden, was geht, aber womöglich wiederkommt. Hier sind die Texte unserer Literarischen Christmette vom Heiligen Abend 2014.
Kassandra von Max Klinger

Kassandra-Büste von Max Klinger

“Das heißt: Wir können, was wir sehen, noch nicht glauben. Was wir schon glauben, nicht aussprechen.” – Diese Sätze notierte Christa Wolf in einem Tagebuch, das die Voraussetzungen einer Erzählung auslotete: Kassandra. Ihre eigene Existenz lässt sich mit der der antiken Seherin Kassandra, die weiß, der man aber nicht glaubt, charakterisieren. Sowohl in der Zeit, als sie nahe am Staatsapparat war, als auch in ihren Zeiten als sie eine kritische Intellektuelle und Dissidentin war, litt sie unter der Schwäche des dichterischen Wortes. Es sollte eigentlich die Welt verändern. Aber die Welt war nicht empfindlich genug. Sie ignorierte offenbar ihre harte Spracharbeit, mit der sie nicht nur abbilden, sondern auch prägen wollte. Werfen wir in unserem Literatur-Gottesdienst einen Blick auf diese Leidenschaft des Wortes bei Christa Wolf und auch auf das Leiden, das die Ohnmacht des Wortes hervoruft. Ich lese Passagen aus “Leibhaftig”, “Kassandra” und “Kein Ort Nirgends” und stelle biblische Texte daneben. Am 16. November 2014 um 19 Uhr fand unser Literatur-Gottesdienst zu Christa Wolf in der Pfortener Kirche St. Michael statt. Hier sind die Texte.

therese“Vom eigenen Sohn erschlagen”, so endet ein Roman von Arthur Schnitzler. Er ist auf irritierende Weise wenig dramatisch. Therese. Chronik eines Frauenlebens fließt dahin wie eine Geschichtserzählung, die ohne viele Effekte aufzeichnet, was war. Da erzählt der alte Schnitzler, wie das Leben an jemand vorbeifließt. Solange, bis es zu Ende ist. 108 kurze Abschnitte, jeweils mit kleinen Ereignissen, Möglichkeiten, Chancen, Zufällen, Unfällen, Vereitelungen. Fast nie direkte Rede, Gespräch, Aktion. Einfach nur Bericht über das, was vorgefallen ist. In unserem Literatur-Gottesdienst zu Arthur Schnitzler beschäftige ich mich mit diesem Buch. Denn was war Jesus von Nazareth wichtiger, als dem Leben Ernst und Gewicht zu geben? Wir Der Gottesdienst war am Abend des 21. September 2014 um 19 Uhr. Hier finden Sie die Texte des Gottesdienstes mit kurzen Stichworten zum Inhalt der Predigt.

Zum Schluss des ersten Bandes erfährt Harry Potter, dass wir nicht einfach sind, wer wir sind, sondern erst unsere Entscheidungen uns dazu machen. Als er nämlich in Hogwarts ankommt, wird ihm wie jedem Schüler der Zauberschule der Sprechende Hut aufgesetzt. Der weiß genau, in welches Haus ein neuer Schüler aufgenommen werden muss. Ist er mutig und treu, muss er nach Gryffindor, ist er listig, ehrgeizig und überaus stolz auf seine Herkunft, muss er nach Slytherin und so weiter. Der Hut zögert. Und Harry wird panisch bewusst, dass der Hut ihn in das Haus des bösen Zauberers Slytherin stecken will. Mit ganzer Kraft wünscht er sich, nach Gryffindor zu kommen – und so geschieht es. Er ist erleichtert. lovegoodNur zweifelt Harry dann während aller seiner Abenteuer um den Stein der Weisen an sich: Ist er eigentlich böse? Hat er den Hut nur überlistet? Spürt er nicht beide Anlagen in sich? Dann erklärt ihm sein weiser Lehrer Dumbledore: It is our choices that show what we truly are, far more than our abilities. – Ich muss gestehen, bei dieser Stelle kommen mir immer die Tränen. Wir sind nicht festgelegt, sondern können selbst entscheiden, wer wir sind. Die Vergangenheit beherrscht uns nicht. Wir haben die Möglichkeit, daran zu arbeiten, wer wir werden wollen. Selten ist das so schlagend erzählt worden, und diese feine und humane Sicht des Menschen zieht sich durch alle Bände der Harry Potter Heptalogie. Bei unserem Literatur-Gottesdienst in Pforten geht es mir besonders um das Problem des Bösen. Was macht einen Menschen böse? Und wie bekämpft man das Böse, ohne ihm selbst immer ähnlicher zu werden? Ich behaupte, diese Frage ist das Ostinato, der Basslauf der Phantasie sprühenden Geschichten um den Zauberschüler Harry Potter, der schließlich Du-weißt-schon-wen besiegt, weil er durch den Tod geht. In unserer kleinen Kirche St. Michael, die dem Engel geweiht ist, der das Böse besiegte, fand am 15. Juni 2014 um 19 Uhr einen Literatur-Gottesdienst zu Joanne K. Rowlings Potter-Epos statt. Leider sind die Texte des Potter- Epos’ im Netz nicht zu finden, deshalb stehen im Skript nur die Zitat-Anagaben und – wi immer – meine Kommentare in Stichworten. Hier steht die Datei.

gotthelfStellen Sie sich das üppigste Tauf-Frühstück aus dem Berner Oberland vor! “Neben den Käse stellte sie die mächtige Züpfe, das eigentümliche Berner Backwerk, geflochten wie die Zöpfe der Weiber, schön braun und gelb, aus dem feinsten Mehl, Eiern und Butter gebacken, groß wie ein jähriges und fast ebenso schwer. Heiße, dicke Nidel stund in schön geblümten Hafen zugedeckt auf dem Ofen, und in der dreibeinigen, glänzenden Kanne mit gelbem Deckel kochte der Kaffee. So harrte auf die erwarteten Gevatterleute ein Frühstück, wie es Fürsten selten haben und keine Bauren auf der Welt als die Berner.” So sinnlich schildert das Tauf-Fest Jeremias Gotthelf, und mitten in der Idylle lässt sich der Großvater nötigen, eine Schauergeschichte zu erzählen, die sich zusehends in grausige Wirklichkeit verwandelt. Wer mit dem Teufel einen Vertrag schließt, der bekommt unter Umständen Schwierigkeiten, wenn er ihn nicht einhält. Und das Grauen, das in Gestalt einer schwarzen Spinne umgeht, fordert Leben. Wie halten wir das Böse, das Christus nun einmal besiegt hat, aber dennoch zählebig ist, im Zaum? Unser Literatur-Gottesdienst zu Gotthelf ließ sich von der Biedermeier-Novelle “Die schwarze Spinne” inspirieren und fand am 18. Mai 2014 um 19 Uhr in St. Michael, Gera-Pforten statt. Nur für starke Nerven! Hier sind die literarischen und biblischen Texte des Gottesdienstes und Skizzen meiner Kommentare.

 Sylvia PlathAlle Hitze und alle Angst waren verflogen. Ich fühlte mich überraschend ruhig. Die Glasglocke schwebte einige Fuß über meinem Kopf. Ein Luftzug erreichte mich. – Sylvia Plath gilt als Ikone der feministischen Literatur, und ihr Werk wird vor allem auf ihren Freitod mit 30 Jahren hin gelesen. In meinem Literatur-Gottesdienst will ich ihren Roman “Die Glasglocke” vor allem auf die Befreiung hin lesen, die die junge Frau, über die Sylvia Plath schreibt, erreicht. Und überhaupt, wie kommen wir alle unter der Glasglocke hervor, die allermeistens unser Leben umhüllt? Welche biblischen Motive können unser Leben so verändern, dass uns ein Luftzug erreicht? Musste Jesus sterben, weil er keine einzige Minute seines bewussten Lebens unter einer Glasglocke gelebt hat? Melissa Whitney Nelson las uns ein Gedícht von Sylvia Plath im amerikanischen Original, und Peter Nelson improvisierte zwischen den Gedichten und Bibeltexten kleine Kontrabass-Miniaturen. Der Literatur-Gottesdienst war am 23. März 2014 abends um 19 Uhr in der kleinen Pfortener Kirche St. Michael. Wenn Sie nicht da waren oder wenn Sie da waren und die Texte nachlesen wollen: Sie stehen hier.
“Da betete die kleine Gerda ihr Vaterunser. Die Kälte war so groß, dass sie ihren eigenen Atem sehen konnte, er ging ihr wie Rauch aus dem Mund. Der Atem wurde dichter und dichter und gestaltete sich zu kleinen Engeln, die mehr und mehr wuchsen, wenn sie die Erde berührten; und alle hatten Helme auf dem Kopf und Erinnern Sie sich an die erste Szene des Märchens? Rosen im SchneeSpieße und Schilde in den Händen. Ihre Anzahl wurde größer und größer, und als Gerda ihr Vaterunser beendet hatte, war eine ganze Legion um sie. Sie stachen mit ihren Spießen gegen die gräulichen Schneeflocken, so dass diese in hundert Stücke zersprangen, und die kleine Gerda ging sicher und frohen Mutes vorwärts.” -So erzählt es Hans Christian Andersen in seinem Märchen “Die Schneekönigin”. Die Herzen und Augen der Menschen sind durch einen magischen Spiegel verzerrt worden, und nichts ist mehr, wie es war. Aber ein kleines Kind macht sich auf, um das zu ändern, und das Vaterunser wird ihr unversehens zu einer mächtigen Waffe. Unser Literatur-Gottesdienst zu Hans Christian Andersen fand am  1.Februar 2014 um 18.00 Uhr im Lutherhaus in Gera-Untermhaus (Joliot- Curie-Str. 1a) sowie am 9. Februar 2014 um 19 Uhr in St. Michael, Gera-Pforten (Plauensche Str.) statt. Hier sind die Texte.

“Ich nehme gern am Leben der Menschen teil.” – Diesen Satz schrieb Ernst Jünger am 10. Mai 1943 in sein zweites Pariser Tagebuch.  Er nahm gern am Leben der Menschen teil. Aber dieser Satz klingt so, als gehöre er nicht dazu, sei also kein Mensch. Und so hat er es erlebt. Er litt an einer überscharfen Beobachtungsgabe wie andere mit einem übermäßig feinen Geruchsorgan. Diese Beobachtsungsgabe ließ ihn auf seine Mitmenschen blicken wie auf Käfer, die er übrigens mit Leidenschaft sammelte. Die Kälte des Hinsehens machte es ihm möglich, Menschen und Dinge zu beobachten und uns getreulich zu apportieren. Sie machte ihn zu einem scharfsinnnigen Essayisten und Waldgänger, aber auch zu einem von links und rechts kritisierten Intellektuellen. Sein Buch “In Stahlgewittern” zeigt uns ohne moralische Verfärbungen mit viel Schmutz und nicht ohne Heroik die Welt des Ersten Weltkrieges. Es wurde – vielleicht zu Unrecht – zu einer militaristischen Propaganda-Fibel. – Ein Gemeindepädagoge und ein Pfarrer, Stefan Fratte und Frank Hiddemann, gingen einer gemeinsamen Passion nach, als sie einen Literatur-Gottesdienst zu Ernst Jünger machten. Er fand am 3. November 2013 um 19 Uhr in der kleinen Kirche St. Michael in Gera-Pforten statt. Sie sind herzlich eingeladen zu kommen! Die Text-Collage finden Sie hier.

“Es gibt viele Wege, auf denen der Gott uns einsam machen und zu uns selber führen kann.” – Der menschliche Weg zu sich selbst, die Schwierigkeiten auf diesem Wege und die lebenslängliche Anfälligkeit des Menschen fuer Krisen sind die obsessiven Themen des (ehemaligen?) Kult-Schriftstellers Hermann Hesse. Wachsen heißt Erneuerung und deshalb Abschiednehmen. Sein berühmtestes Gedicht “Stufen” endet: “Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…/Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!” – Bei meinem ersten Literatur-Gottesdienst in St. Marien (Gera-Untermhaus) werden wir alle 17 Strophen von Paul Gerhardts Choral “Befiehl du deine Wege” singen. So entsteht eine gewisse Spannung zur grimmigen Selbstsuche des Hermann Hesse und seiner Figuren z.b. dem Sinclair aus Hesses Erzaehlung “Demian”, der eine besondere Rolle spielen wird. Wer mitsingen, mithören, mitdenken wollte kam am 21. September 2013, 18 Uhr in die Kirche St. Marien (Gera-Untermhaus). Die Texte des Gottesdienstes und meine – nachträglich kurz skizzierten – Kommentare sind hier nachzulesen.

“An dem cremefarbenen Vorhang saßen sie einander gegenüber, die Gesichter beglüht vom Schein des rot umhüllten elektischen Tischlämpchens. Hans Castorp faltete seine frisch gewaschenen Hände und rieb sie behaglich erwartungsvoll aneinander, wie er zu tun pflegte, wenn er sich zu Tische setzte, – vielleicht weil seine Vorfahren vor der Suppe gebetet hatten.” – Der Großvater hat noch gebetet, weil er wusste warum, der Vater tat es wegen Sitte und Anstand, der Neffe zitiert nur noch die Geste mit undurchschauter Gewöhnung. Thomas Mann erzählt fast immer Verfallsgeschichten. Der Zauberberg ist ein reifes Produkt seiner Kunst, ein Zeit-Portrait, das selbst die Zeit portraitiert, über sie reflektiert und in der Form des Schreibens kunstvoll abbildet. Diese Geduld hätte niemand im Neuen Testament. Da gab es ein Ziel, und es wurde Tacheles geredet und gehandelt. Unser Literatur-Gottesdienst zu Thomas Mann fand am 15. September 2013 um 19 Uhr in der Kirche St. Michael in Gera-Pforten statt. Es ging um die Zeit, denn alles hat seine Zeit (Prediger 3). Ich wuerde mich freuen, wenn Sie sie sich fuer uns nehmen!

“So kann es nicht enden”, denkt er, doch natürlich tut es das. – Das ist so ein typischer lakonischer Satz aus den Romanen von Haruki Murakami. Junge Männer lassen darin die Zeit verstreichen, während sie morgens um 11 Spagetti kochen, Puccini hören und einen ankommenden Anruf abwiegeln, weil sie angeblich gerade keine Zeit haben. Es sind Menschen, die sich aus der konfuzianischen Umklammerung des alten Japan gelöst haben und nun seltsam hilflos in der Welt stehen, die nicht mehr viel von ihnen verlangt. Perfekt funktionieren oder ziellos dahinschweben scheinen die Alternativen zu sein. Und dann öffnen sich manchmal spirituelle Ausstiege aus dieser unmarkanten Welt. Die christliche Art zu leben, hat immer das leidenschaftliche Leben angestrebt, hat etwas gefunden, wofür es sich zu leben und zu leiden lohnt. So hat es Jesus von Nazareth vorgelebt. Woran liegt das? Unser Literaturgottesdienst zu Haruki Murakami findet am Abend des 28. Juli 2013 statt. Lassen Sie den heißesten Tag des Jahres ausklingen bei Texten und Liedern in der Gera-Pfortener Kirche St. Michael und singen Sie mit uns 14 Strophen von Paul Gerhardts Choral “Ich weiß, mein Gott, dass all mein Tun”! Der Gottesdienst beginnt wie immer um 19 Uhr.

 

Sublimer Schrecken war bei den Schriftstellern der Romantik sehr beliebt. Einem Dichter, der poetischen Takt besaß, wurde zugetraut, die tiefen Schauer jenes geheimnisvollen Grauens zu erregen, das in unserer eigenen Brust wohnt. So hatte die romantische Schauergeschichte auch immer etwas von Selbsterkenntnis.  Stephen King fehlt jeder poetische Takt. Er versteht es wie kein anderer, mit Angst, Ekel erregenden Bilden und derber Thriller-Spannung, seine Leser von Schock zu Schock zu führen. Und wer nachts das Licht ausmacht, nachdem er Stephen King’ s Roman “Es” gelesen hat, merkt schon Sekunden später, dass das keine gute Idee war. Mein letzter Literatur-Gottesdienst setzt sich mit dem Werk des amerikanischen Schriftstellers Stephen King auseinander. Er fand am 20. Januar 2013 um 19 Uhr in der kleinen Pfortener Kirche St. Michael statt. Hier sind die Texte.

“Der Tod ist klar wie Honig im August. So klar ist dieser Tod und treu mir, wenn der Winter kommt.” Thomas Bernhard Gedichte sind wie Psalmen. Sie sprechen Gott an, zornig, klagend, manchmal und dann ueberraschend auch preisend. Der HERR ist Verursacher und Verantwortlicher aller Angst und Todesfurcht, vor allem auch der Unruhe und des Gefuehls, die Welt haelt nicht. Als Motto stellt Bernhard seiner kleinen Gedichtesammlung “In hora mortis” ein Zitat aus Leonardo da Vincis Philosophischen Tagebüchern voran: “Der Mond, dicht und schwer, dicht und schwer, wie bleibt er [schweben] der Mond”. An den Tod denken, heisst auch immer, eine Ungewissheit aushalten. In der Kirche St. Michael zu Gera-Pforten hat ein Literatur-Gottesdienst zum Totensonntag am 25. November 2012 um 19 Uhr stattgefunden. Das Gegenüber zu biblischen Taxten waren Gedichte aus Thomas Bernhards früher Lyrik. Cantus firmus war Paul Gerhardts Choral “Warum sollt’ ich mich denn grämen”. Hier ist die kommentierte Textcollage des Gottesdienstes.

Doch vor dem ersten Tode kam der Mord. – Das ist auf Kain gemünzt, der seinen Bruder Abel erschlug. Da war es noch nicht lang her, dass Gott mit seinen “geründeten” Händen gestisch zärtlich die Erde erschuf. Dieser Querschläger, der Mord, geschah, als die Menschen noch nicht gelernt hatten, zu Gott zu rufen. “Und was sie seither stammelten, sind Stücke deines alten Namens.” – So singt es räsonnierend der junge Rilke, als er mit seinem “Stundenbuch” die alten mönchischen Gebete nachvollzog und das Geheimnis Gott in verschlungenen und klingenden Reimen auslotete. Er tat es neu – als ein Mann der Moderne und seine Verse wurden auch Jugendstil-Lyrik genannt. Das war 1899 in Berlin-Schmargendorf. Und er legte zwischen Liebe und Anbetung taumelnd die Gedichte seiner Freundin Lou in die Hände. Hier ist das Skript unseres Literaturgottesdienstes zu Rilke im Herbst 2012.

Ich allein bin entronnen, um es dir zu verkünden. So endet Herman Melvilles Buch Moby Dick. Ein gewaltiger weißer Wal hat das Fangschiff Pequod in Einzelteile zerlegt. Die Rache des Kapitän Ahab ist gescheitert. Der Walfangmatrose Ismael ist der einzige, der sich retten kann. Er hat überlebt, um die Geschichte zu erzählen.“Und ich allein bin entronnen, um es dir zu berichten.”  Mit diesem Satz verkünden die Boten im Hiobbuch Unheil. Und im Buch Hiob geht es eben auch um die feindlichen Mächte, die das Leben der Menschen bedrohen. Die Walfänger, die von der Insel Nantucket aufbrechen, nennen die Wale, die sie fangen wollen, Leviathane, so wie bei Hiob die grossen Gegenspieler Gottes heißen. In diesem Buch, Moby Dick, geht es um das Böse und auch um elysische Gefühle. Es schildert einen Kosmos, der die dunklen und die leuchtenden Eigenschaften der Menschen zeigt. Mit diesem Buch setzte ich mich in einem Literatur-Gottesdienst auseinander. “Tauchen Sie mit mir ein (und unter) in eine Romanwelt aus dem 19. Jahrhundert und hören Sie auch die biblischen Texte, die dem Roman auftauchen oder dicht unter der Oberfläche schwimmen!”, schrieb ich. Vielleicht gelingt Ihnen das auch mit dem Manuskript.

 

Am Hofe des Sultans Saladin lässt Gotthold Ephraim Lessing seine Ringparabel spielen. Woanders hätte in der Zeit der Kreuzritter die Geschichte auch gar nicht erzählt werden können. Der Aufklärer Lessing bietet mit dieser Gleichniserzählung ein Bild des friedlichen Nebeneinanders der Religionen. Alle vertragen sich, weil sie sich darauf einigen, dass nicht die religiösen Fragen wichtig sind, sondern nur die ethischen: Welche guten Taten tut der fromme Jude, Christ, Moslem. Am Ende der Zeiten dann wird sich erst erweisen, welche Religion die richtige ist. Vielleicht die, die die besten Menschen hervor gebracht hat? Mich überzeugt diese Lösung nicht. Wer die Religionen auf Ethik reduziert, tut ihnen Gewalt an. Und Gewalt war nie eine gute Voraussetzung für den Frieden. Unser Literatur-Gottesdienst zur Ringparabel war am 3. Juni 2012. Hier können Sie den Text des Gottesdienstes nachlesen.

“Was aber schön ist, selig scheint es in ihm selbst.” Diesen unsterblichen Satz schrieb Eduard Mörike über eine Lampe (!). Dem biedermeierlichen Pfarrer, Dichter und Steinesammler aus dem Schwabenland gelangen oft einfache und tiefe lyrische Gebilde, die manchmal sprichwörtlich wurden wie z.B. das berühmte: “Herr, schicke, was du willst, / Ein Liebes oder Leides! / Ich bin vergnügt, daß beides / Aus deinen Händen quillt. Ein Frühlingsgottesdienst am Sonntag Kantate.

 

Um der gebrechlichen Einrichtung der Welt willen, wird dem Graf F. in Kleists Novelle “Die Marquise von O” vergeben. Er war der Marquise als Engel erschienen und hatte sich als Teufel erwiesen und nach gemessener Zeit war er dann doch zum Menschen geworden. Kleist ging Zeit seines Lebens mit Idealen schwanger und sah sie an der unvollkommenenen Welt zerbrechen. “Das Leben ist ein schweres Spiel, weil man beständig und immer von neuem eine Karte ziehen soll und doch nicht weiß, was Trumpf ist.”, schrieb er einmal. Zum Ende der Passionszeit, am Sonntag Judica 2012, konfrontierte ich Kleists Text “Über das Marionettentheater” (1810) mit Schöpfungsvorstellungen der Bibel, die ich dem 1. Buch Mose, dem 104. Psalm und dem Hiobbuch entnahm. Hier ist das Manuskript des Gottesdienstes. Sie finden Texte und Gebete und ein kurzes Predigtskript.

Wer sich selbst und andere kennt, wird auch hier erkennen:Orient und Okzident Sind nicht mehr zu trennen. – Im Gespräch mit einer jungen Geliebten turtelte der alte Goethe im orientalischen Stil des weinseligen Mystikers Hafis und versetzte sich dabei in ein, wie er sagen würde,  mosleminisches Ich. So steckt mitten in der deutschen Klassik ein islamischer Kern. Der Westöstliche Divan gilt bei manchen als das dichterische Hauptwerk Goethes (neben dem Faust). Der Literatur-Gottesdienst zu Goethes Divan folgt diesen Pfaden skeptisch und interessiert sich für Goethes Verhältnis zum Christentum..

Paul Celans Sprache hat dem Ungeheuerlichen, das in Auschwitz geschah, standgehalten. Die Geheimnisse seiner Gedichte spiegeln den unverständlichen Gott und die Versuche, dennoch zu leben.  Hier ist unser Versuch eines Literaturgottesdienstes zu Paul Celan.

Nach dem Nachtwesen mit den großen Augen, nannte sich Hugo von Hofmannsthal als junger Dichter Loris. Aus seinen aufzeichnungen vom 17.Juni 1891: “Wir haben kein Bewusstsein über den Augenblick hinaus, weil jede unsrer Seelen nur einen Augenblick lebt. Das Gedächtnis gehört nur dem Körper: er reproduziert scheinbar das Vergangene, d.h. er erzeugt ein ähnliches Neues in der Stimmung: Mein Ich von gestern geht mich so wenig an wie das Ich Napoleons oder Goethes.” Unser Literaturgottesdienst zum Erforscher der Seelen.

“Es gibt nichts Schöneres, nichts Tieferes und Mitfühlenderes, nichts Besonneneres, Menschlicheres und Vollkommeneres als Christus. Wenn irgendjemand mir bewiese, dass Christus außerhalb der Wahrheit stünde, und es wirklich so wäre, dass die Wahrheit außerhalb von Christus wäre, so würde ich lieber bei Christus bleiben als bei der Wahrheit.” Das soll Dostojeskij gesagt haben, und es ist gewiss ein zauberhafter Satz. Unseren Literaturgottesdienst inspirierte sein “Idiot”.

Deutsche Reiseerzählungen aus dem Orient und aus dem Wilden Westen am 11. September 2011: Literaturgottesdienst zu Karl May

Jesus tanzt mit dem Tod und dieser merkt, dass er ihm nicht gewachsen ist: Literaturgottesdienst Schiller Tanz Texte

Brecht im Advent: Literaturgottesdienst Brecht Pforten 2010 Texte

Heiterkeit auch angesichts des Todes: Literaturgottesdienst Matthias Claudius Texte

Die klassische Liebe – und die biblische: Literaturgottesdienst Schiller Liebe

Über die Schwierigkeit zu singen: Literaturgottesdienst Marie Luise Kaschnitz Texte

“Was aber schön ist, selig scheint es in ihm selbst.” Diesen unsterblichen Satz schrieb Eduard Mörike über eine Lampe (!). Dem biedermeierlichen Pfarrer, Dichter und Steinesammler aus dem Schwabenland gelangen oft einfache und tiefe lyrische Gebilde, die manchmal sprichwörtlich wurden wie z.B. das berühmte: “Herr, schicke, was du willst, / Ein Liebes oder Leides! / Ich bin vergnügt, daß beides / Aus deinen Händen quillt.